Die Einweihungsfeier der neuen Handelsschule - Übergabe des Schulneubaues an den Direktor

Gelsenkirchener Zeitung, 2. Mai 1925.

    Heute hat die Gelsenkirchener Städtische Handelsschule ihren großen Tag. Der prächtige Neubau auf Dörmanns Hof, den sie vor kurzem sehr verdientermaßen bezogen hat, erfuhr seine feierliche Eröffnung. Er wurde durch Oberbürgermeister von Wedelstaedt an den Direktor übergeben und damit seiner endlichen Bestimmung zugeführt.

    Zu dem um 10 1/2 Uhr vormittags beginnenden Festakt in der prächtigen, stilvollen Aula hatte sich eine stattliche Zahl illustrer Gäste eingefunden: das Beigeordnetenkollegium, Vertreter der Stadtverordnetenfraktion, der Industrie- und Handelskammer, der Industrie, des Handels, Gewerbes und Handwerks und der Presse. Der Festraum trug würdigen Grünschmuck Die Abteilung »musica sacra« des Storsbergchores leitete mit den weihevollen Klängen von Glucks Gebet »Leih aus deines Himmels-Höhen«, das sie unler Max Storsbergs genügsam bekannter sorgfältiger Führung hingebend sang, die Feier ein.

    Dann trat Beigeordneter Stadtbaurat Arendt, dem ein Hauptteil am Entstehen des neuen Hauses und an seiner schönen inneren und äußeren Form zufallt, als Erster ans neue Rednerpult und richtete folgende Worte an die Festversammlung:

        »Per aspera ad astra« (Durch Anstrengung zu den Sternen). Dies Wort sollte als Inschrift, das Haus tragen, das heute zu weihen wir uns versammelt. Sind doch in ihm, in seinen Mauern, verankert, die Geschicke der Jahre 1923 und 1924. Geschicke, die niemals vergessen werden sollten, Geschicke, wie sie schwerer und tragischer dies Land zwischen Ruhr und Lippe kaum je erlebt. Erst als der Herzschlag dieses Landstrichs, der die reichsten Bodenschätze im ganzen deutschen Lande birgt, infolge des Einmarsches zu stocken begann, merkte das übrige Deutschland an der eigenen Blutleere, an der Störung des Kreislaufs, daß hier sein Herz schlägt, daß von hier aus der Pulsschlag des deutschen Wirtschaftslebens betätigt wird.

        Damals, im Jahre 1923, als uns selbst der Atem stockte, als hunderttausende tatenkräftige Arme zu unfreiwilliger Untätigkeit verurteilt waren, als Handel und Wandel stillstand, wurde neben anderen kleineren Unternehmungen auch dieser Bau beschlossen als Notstandsarbeit, um wenigstens einigen Hunderten Arbeit, und Verdienst zu geben.

        Doch nach kaum viermonatiger Bauzeit kam ein neues Verhängnis. Es kam die Zeit, da wir die Leistungen für den Bau kaum so schnell bezahlen konnten, als der Wert des Geldes als Zahlmittel auf dem Wege von der anweisenden Stelle bis in die Hand des Empfängers nicht auf ein Nichts zusammenschrumpfte. Die Zeit, da die Löhne in jeder Woche heraufgesetzt wurden und doch unzureichend blieben, da die Lieferungen bei Bestellung bezahlt werden mußten und doch kaum herangeschafft werden konnten. Eine Zeit an die jeder Baumensch nur mit Schaudern zurückdenkt. Ihr folgte die Geldkrisis. Wegen Mangel an Mitteln mußte der Bau, der bis zur Erdgeschoßdecke gediehen war, stillgelegt werden. Um fünf Monate ruhte er so. Wind und Regen preisgegeben! Erst als im Frühjahr 1924 die Wirtschaft im Ruhrgebiet wieder angekurbelt war und neuer Mut, neue Hoffnung auf bessere Zeiten uns erfüllte, konnten die Arbeiten wieder aufgenommen werden. Nicht ohne neue Störungen durch Lohnkämpfe und vierwöchige Aussperrung.

        Wenn dieses Schmerzenskind der Stadt heute, nach beinahe zweijähriger Bauzeit, nun doch endlich aus der Taufe gehoben werden kann, so löst sich aus dem trüben Schleier trauriger Erinnerungen ein sanfter Strahl der Hoffnung, die das Bewußtsein gibt, daß durch das zähe Festhalten am Begonnenen auch die größten Schwierigkeiten überwunden wurden, der Hoffnung, daß, wie dieser Bau, unberührt von den Stürmen, die sein Wachstum hemmten, heute doch vollendet, dasteht, auch unser Vaterland mit dem Wahlspruch: »Arbeiten und nicht, verzweifeln« sich durchringen wird durch alle Fährnisse, die seinem Wiederaufbau sich entgegenstellen, zu neuer Größe und kraftvoller Stärke. Dann soll der Handel Wandel bringen! Der starre Kopf des Handelsgottes, dessen Bild unser Treppenhaus ziert, ist der Ausdruck des Zeitgeistes, der diesen Bau geschaffen. Er trägt die Leidenszüge der Zeit aber alle Nerven gespannt alle Muskeln gestrafft zu neuer Tat, so wird der deutsche Handel seinen neuen Flug antreten über die Ozeane!

        Wenn wir uns mit diesem Gedanken dennoch des vollendeten Werkes freuen dürfen, so geziemt es, an diesem Tage Dank zu sagen allen denen, die wacker mithalfen, den Bau zu planen, auszubauen und zu schmücken. An erster Stelle dem bauleitenden Architekten J. Wasser, dem ja unsere Stadt schon manche Bereicherung verdankt, der auch hier wieder fleißig und mit Geschick den Griffel geführt hat Nicht minder allen Bauarbeitern, Handwerkern, Meistern und Unternehmern, die einzeln aufzuführen mir erlassen sei: für sie alle knüpfe sich an den Bau die Erinnerung harter Arbeit und sauerer Kämpfe.

        Heute steht er vollendet da, eine neue Zierde unserer Stadt, für die wir alle arbeiten. Möge er seinem Zweck, den Berufenere nach mir würdigen sollen, voll erfüllen, und möge auch über der Arbeit, die hier an unserer Jugend vollbracht werden soll, stehen das Wort: »Per aspera ad astra!«

Quelle: 100 Jahre kaufmännisches Schulwesen in Gelsenkirchen, 1993. Originalartikel recherchiert am Do. 25.02.2016. Zwei Scanfehler korrigiert: M. Schelvis

 
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