Learning by Dealing

Die Oberstufenschüler der Höheren Handelsschule vermissen sie. Erklären kann sich von den London-Fahrern der Jahrgangsstufe des BKWuV jetzt niemand so recht, warum die königlichen Wachsoldaten ausgerechnet zwischen dem 1. Und 5. Februar scheinbar nicht zum Wachwechsel auf ihren Posten sind. Schließlich ist man nicht alle Tage in London zu Gast. Zu kalt für die Soldaten? Zu nass? Ist die Queen nicht zu Hause, kommen wir ungelegen? Wo ist sie hin, die weltberühmte Parade "Changing the Guards", bei der eine Abteilung der königlichen Infanterie (Queen’s Foot Guards) von den Wellington Barracks zum Buckingham Palace marschiert?  Den 33 Schülern des BKWuV sowie den Fachlehrern Ursula Hoffmann und Uwe Beyer kommt der Buckingham Palace irgendwie unvollständig vor. Doch für Trauer hat man angesichts einer knappen Woche Aufenthalts in Englands Hauptstadt zu wenig Zeit. Dann eben auf zur Oxford Street.

Hoch im Kurs bei den Jungs: Ausrüstung des Ballack-Clubs Chelsea. "Gut zwanzig Pfund billiger als bei uns", erklärt Dennis Falzer (HHO4) die Anschaffung eines neuen, knallgelben Komplettdresses (einschließlich halber Hose), das er sogar zum Frühstück trägt. Zwischen andere „Blues“ und den gelben Tupfer schiebt sich allen Ernstes Raphael Brinkmann (HHO4) in Rot. Ein Bayern-Trikot. Etwa hier gekauft? "Klar", lautet die Antwort, "viel billiger als zu Hause." Sarah Weichelt (HHO4) ist passionierte Schuhsammlerin. Da wird sie in Londons Shopping Adresse Nummer eins natürlich mehr als einmal fündig. Madelaine Brosda und Nina Schnabel (beide HHO2) hadern nach einem Kappenkauf mit dem gezahlten Barpreis von rund 30 Pfund. An anderer Stelle sind die Kappen deutlich billiger. Der Verkäufer wird so lange bearbeitet, bis er den Kaufpreis wieder rausrückt. Es werden günstigere Kappen angeschafft. Learning by dealing - in English.

Ein Deutscher soll es dagegen sein, von dem die Oberstufenschüler sich in der Kunst des Partymachens inspirieren lassen – kein geringerer als Georg IV. August Friedrich aus dem Hause Hannover, König von England von 1820 bis 1830. Sein Lustschloss im südenglischen Seebad Brighton, The Royal Pavilion, steht am Mittwoch auf dem Programm. Es strotzt vor Prunk, von dem man meinen könnte, er sei fernöstliches Importgut. Irrtum. Der Regent gefiel sich darin, zu imitieren. Aus Buchenholz, ja sogar aus Eisen sind täuschend echte Bambusimitate hergestellt. Guide Alexandra bescheinigt der Gruppe die richtige Größe für eine Partygesellschaft des Monarchen. Dabei könnten in dem Schloss gut und gerne 3000 Menschen feiern. Der König hatte es da gerne übersichtlicher. So zeugen im Dining Room noch zwei große Kabinetttische unter gewaltigen Kronleuchtern von der Atmosphäre jener Abende, an denen der König mit seinen bevorzugten Frauen sowie anderen geladenen Gästen hier Lust und Leben pries. Die Palastküche muss mit unzähligen Töpfen, Krügen und Pfannen aus Kupfer sowie überdimensionalen Grillanlagen und Herden kulinarische Maßstäbe gesetzt haben, an die so manches First-Class-Hotel noch heute nicht heranreicht.

In Greenwich, altes Viertel der Britischen Seefahrt, wird Seegang spürbar. Hier befinden sich das Old Royal Naval College und das National Maritime Museum. Verschiedener "Titanic"-Andenken und eines Captain-Cook Sextanten werden wir allerdings ebenso wenig ansichtig, wie zuvor der Gardisten am Buckingham Palast. Die Gallerie wird renoviert. Immerhin genießen die Schüler unweit von hier einen imposanten Ausblick auf den Millennium Dome und das "Londoner Manhattan", jene Skyline des Bankenviertels, die ein wenig an die Ostküste der USA erinnert. Dort, wo das Haus des Britischen Astronomen John Flamsteed steht, verläuft zudem seit 1884 mit dem Nullmeridian die Zeitzonengrenze. Vor dem Royal Observatory steht man mit einem Bein in der britischen, mit dem anderen in der mitteleuropäischen Zeitzone, die eine Stunde Verschiebung nach vorn bedeutet; weltweit werden die Uhren nach Greenwich Mean Time gestellt.

"Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich", sagt ein Sprichwort. Calais liegt bereits im Rückspiegel. Der Blick in den Bus: Zwei Drittel der HHO-Schüler müssen bis tief in die vergangene Nacht zu Fuß unterwegs gewesen sein. Lümmelnd, zum Teil schlafend hängen sie in den Sitzen. Sergej Rabinovic (HHO4) sitzt auf dem Sitz neben Busfahrer André Noges. Über Bordmikrofon übt er sich in Partyansagen für das Wochenende zu Hause.

Der "Guardian" druckt zweiseitig ein Farbfoto von den "Foot Guards" mit ihren schwarzen Hauben und roten Jacken. Darüber die Schlagzeile: "Verteidigungsministerium plant Einsparungen in der Armee". Man müsse Effektivität und Einsatzfähigkeit auch bei den Gardisten ermitteln, heißt es im Text; zudem sei die Stärke des Führungspersonals auf seine militärische Rechtfertigung hin zu überprüfen. Laut Plan findet die Wachablösung "Changing the Guards" von Mai bis Juli täglich um 11:30 Uhr, von August bis April nur noch jeden zweiten Tag statt, es sei denn, es regnet. Zwangsläufig haben wir sie verpasst. Für die nächste Londonfahrt brauchen wir also unbedingt Sonne. Wenn die Wachablösung dann nicht längst ins Wasser gefallen ist. Nicht, weil es geregnet hat. Sondern weil sie zu teuer ist.

Text: U. Beyer

 
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